Tag 9 - Smoo Cave & Eine Verschnaufpause am Atlantik
Die Nacht hatte gezeigt, dass Schottland auch anders kann.
Stundenlang prasselte der Regen auf das Dach des Wohnmobils. Der Wind strich über die Klippen von Sango Sands und ließ unser Zuhause auf Rädern immer wieder leicht erzittern. Doch genau dieses Geräusch hatte auch etwas Beruhigendes. Während draußen die Nordküste tobte, schliefen wir tief und fest.
Am Morgen zeigte sich das Wetter schließlich gnädiger.
Der Regen wurde schwächer, dann hörte er ganz auf. Zwar hingen die Wolken noch tief über den Hügeln, doch zwischen ihnen zeigten sich bereits erste helle Stellen am Himmel.
Nach einem gemütlichen Frühstück machten wir uns auf den Weg.
Zunächst allerdings nicht weiter entlang der NC500, sondern noch einmal ein kleines Stück zurück.
Unser Ziel:
Smoo Cave
Schon der Name klingt geheimnisvoll.
Und tatsächlich gehört die Höhle zu den beeindruckendsten Naturwundern der gesamten Nordküste.
Vom Parkplatz führt ein steiler Weg hinunter in eine tiefe Schlucht. Über zahlreiche Treppen steigt man zwischen moosbewachsenen Felsen und kleinen Wasserläufen immer weiter hinab. Bereits der Abstieg vermittelt das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen.
Dann öffnet sich plötzlich die Höhle.
Und sie ist gewaltig.
Die riesige Eingangshalle gehört zu den größten Meeresgrotten Großbritanniens. Über Jahrtausende haben die Wellen des Atlantiks das Gestein ausgewaschen und einen Eingang geschaffen, der eher an das Tor einer unterirdischen Kathedrale erinnert als an eine gewöhnliche Höhle.
Mit einer Breite von rund 40 Metern und einer Höhe von etwa 15 Metern wirkt die Öffnung beinahe surreal.
Doch das eigentliche Highlight wartet im Inneren.
Tief in der Höhle stürzt ein Wasserfall aus einer Öffnung in der Decke herab und verschwindet zwischen den dunklen Felsen.
Der Kontrast aus Tageslicht, Wasser und den gewaltigen Felswänden erzeugt eine fast mystische Atmosphäre.
Schon die frei zugängliche Höhle beeindruckt enorm.
Wer weiter hinein möchte, benötigt allerdings eine geführte Tour. Dabei wird mit kleinen Booten ein unterirdischer Abschnitt befahren.
Die Bedingungen hängen stark vom Wasserstand und Wetter ab. Gerade nach Regenfällen können die Touren durchaus anspruchsvoll werden.
Für uns reichte der frei zugängliche Teil völlig aus.
Manchmal muss man nicht alles sehen, um beeindruckt zu sein.
Auch geschichtlich ist die Höhle interessant. Bereits vor Jahrhunderten nutzten Menschen die geschützten Bereiche. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass die Höhle über lange Zeiträume hinweg als Zufluchtsort und Lagerplatz diente. Später rankten sich zahlreiche Legenden um den Ort – von Schmugglern bis hin zu Geistern und verborgenen Schätzen.
Wenn man dort unten steht und das Wasser in der Dunkelheit rauschen hört, kann man durchaus verstehen, warum.
Nach dem Besuch ging es zurück auf die NC500.
Der Regen war inzwischen verschwunden.
Die Wolken allerdings blieben.
Tief hingen sie zwischen den Bergen.
Nebelreste krochen über die Hänge.
Die Landschaft wirkte dadurch völlig anders als am Vortag.
Wilder.
Geheimnisvoller.
Fast schon mythisch.
Die Single-Track-Road führte weiterhin durch eine Landschaft, die stellenweise wirkte, als hätte man sie direkt aus einer Fantasy-Geschichte übernommen.
Dunkle Felsen erhoben sich aus den Moorflächen.
Kleine Seen verschwanden halb im Nebel.
Immer wieder öffneten sich Blicke auf den Atlantik.
Dann schlossen sich die Wolken wieder.
Es war kein Wetter für Postkartenfotos.
Es war Wetter für Geschichten.
Doch heute sollte kein großer Fahrtag werden.
Nach den vielen Kilometern der vergangenen Tage wollten wir bewusst etwas Tempo herausnehmen.
Eine kleine Verschnaufpause.
Und genau dafür war unser Tagesziel perfekt.
Scourie
Als wir ankamen, geschah etwas, das in Schottland fast schon Tradition hat.
Die Wolken rissen auf.
Plötzlich schien die Sonne.
Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich die gesamte Landschaft.
Das Meer begann zu glitzern.
Die Hügel leuchteten grün.
Der Himmel färbte sich blau.
Und direkt vor uns lag einer der schönsten Strände der gesamten Reise.
Der Campingplatz befindet sich oberhalb der Küste und bietet einen fantastischen Blick über die Bucht. Von dort aus fällt das Gelände sanft zum Wasser ab. Die Farben wirkten fast unwirklich.
Türkisblaues Meer.
Heller Sand.
Grüne Hügel.
Weiße Wolken.
Schottland zeigte sich einmal mehr von einer Seite, die viele Menschen gar nicht erwarten würden.
Natürlich zog es uns sofort hinunter ans Wasser.
Doch zuvor stand noch ein kulinarisches Highlight auf dem Programm.
Ein echter Geheimtipp.
Crofters Kitchen
Von außen eher unscheinbar, genießt das kleine Restaurant einen ausgezeichneten Ruf. Der Fokus liegt auf regionalen Zutaten, frischem Fisch und Meeresfrüchten direkt aus den Gewässern der Umgebung.
Und genau das schmeckt man.
Wir entschieden uns für frische Muscheln in einer Cider-Knoblauch-Sauce.
Dazu gab es hausgemachtes Olivenbrot.
Einfach.
Regional.
Perfekt zubereitet.
Und vermutlich eines der besten Mittagessen der gesamten Reise.
Viel besser wird es kaum.
Anschließend verbrachten wir den Nachmittag am Strand.
Scotty genoss die Freiheit genauso wie wir.
Die Sonne stand inzwischen hoch am Himmel und die Bedingungen waren perfekt für die Drohne.
Aus der Luft zeigte sich die ganze Schönheit der Bucht.
Das türkisfarbene Wasser.
Die kleinen Felseninseln.
Die geschwungene Küstenlinie.
Der Campingplatz hoch oben auf den Klippen.
Erst von oben wurde sichtbar, wie spektakulär dieser Ort tatsächlich ist.
Der Rest des Tages verlief bewusst ruhig.
Keine Sehenswürdigkeiten mehr.
Keine langen Fahrten.
Keine Zeitpläne.
Einfach nur dasitzen.
Auf das Meer schauen.
Dem Wind zuhören.
Und die vergangenen Tage Revue passieren lassen.
Am Abend saßen wir noch lange vor dem Wohnmobil.
Vor uns der Atlantik.
Über uns die langsam sinkende Sonne.
Und irgendwo dort draußen lagen die Hebriden und die endlosen Weiten des Nordatlantiks.
Morgen würde es langsam wieder zurück in Richtung Zivilisation gehen.
Doch an diesem Abend spielte das keine Rolle.
Heute genossen wir einfach den Moment.
Gefahrene Strecke: 43km
Aktuelle Position: