Tag 10 - Abschied von der NC500 und Culloden Battlefield
Der Tag begann mit gemischten Gefühlen.
Vor uns lag noch einmal ein wunderschöner Abschnitt der North Coast 500 – gleichzeitig wussten wir aber auch, dass sich unser Abenteuer auf dieser legendären Route langsam dem Ende näherte.
Schon kurz nach der Abfahrt wurde uns erneut bewusst, warum die NC500 weltweit einen so guten Ruf genießt.
Obwohl wir inzwischen viele Tage auf dieser Strecke unterwegs waren, blieb die Landschaft atemberaubend. Immer wieder hielten wir spontan an kleinen Buchten, Aussichtspunkten oder einfach am Straßenrand, um die Aussicht zu genießen.
Die Berge wirkten heute noch einmal besonders eindrucksvoll.
Mal lagen sie in Sonnenlicht.
Mal zogen Wolkenschatten über ihre Flanken.
Dazwischen glitzerten Seen und Meeresbuchten.
Es war, als wollte uns die North Coast 500 zum Abschied noch einmal ihre schönsten Seiten zeigen.
Natürlich durfte dabei ein Halt an der berühmten Kylesku Bridge nicht fehlen.
Schon von weitem fällt die markante geschwungene Form der Brücke ins Auge. Sie überspannt den Loch a’ Chàirn Bhàin und gilt heute als eines der bekanntesten Fotomotive der gesamten Route.
Doch ihre Bedeutung geht weit über ihre Architektur hinaus.
Bis zur Eröffnung der Brücke im Jahr 1984 mussten Fahrzeuge hier eine kleine Autofähre nutzen. Die Überfahrt war wetterabhängig und konnte den Verkehr erheblich verzögern. Erst die Brücke verband die beiden Küstenabschnitte dauerhaft miteinander und machte das Reisen in dieser abgelegenen Region deutlich einfacher.
Heute fügt sich die elegante Konstruktion beinahe harmonisch in die Landschaft ein.
Von oben betrachtet wirkt sie fast wie ein Kunstwerk zwischen Wasser, Bergen und Himmel.
Nach einigen Fotos ging die Reise weiter.
Der nächste Halt war die Ruine von Ardvreck Castle.
Schon die Anfahrt ist beeindruckend.
Die Überreste der Burg stehen auf einer kleinen Landzunge am Ufer des Loch Assynt. Dahinter erheben sich die markanten Berge Suilven und Canisp, die zu den bekanntesten Gipfeln der nordwestlichen Highlands zählen.
Die Burg wurde im 16. Jahrhundert vom Clan MacLeod errichtet und war über viele Jahrzehnte ein wichtiger Stützpunkt der Region.
Heute stehen nur noch Ruinen.
Doch genau das macht ihren besonderen Reiz aus.
Wind und Wetter haben die Mauern gezeichnet. Gras wächst zwischen den Steinen. Möwen kreisen über den Überresten.
Und doch scheint die Burg noch immer über den See zu wachen.
Wie so viele Orte in den Highlands ist auch Ardvreck Castle von Geschichten und Legenden umgeben.
Besonders bekannt ist die Sage vom „Mermaid of Assynt“. Der Legende nach soll eine Meerjungfrau in den Gewässern des Loch Assynt gelebt haben. Wer ihr begegnete, dem sollte großes Glück oder großes Unglück bevorstehen.
Ob wahr oder nicht – an einem Ort wie diesem fällt es leicht, solche Geschichten zu glauben.
Dunkle Wolken über den Bergen, ein stiller See und die Ruinen einer alten Burg schaffen genau die Atmosphäre, aus der Legenden entstehen.
Und dann kam der Moment, von dem wir wussten, dass er irgendwann kommen würde.
Die letzten Kilometer auf der North Coast 500.
Kurz hinter Braemore trennten sich unsere Wege.
Die berühmte Rundroute führte weiter.
Wir hingegen bogen ab.
Ein merkwürdiges Gefühl.
Über viele Tage hinweg hatte uns die NC500 begleitet.
Sie hatte uns durch die Highlands geführt.
Entlang einsamer Küsten.
Zu Leuchttürmen, Burgen, Bergen und kleinen Fischerdörfern.
Sie hatte uns Regen, Sonne, Wind und einige der schönsten Landschaften gezeigt, die wir jemals gesehen haben.
Mehr als 480 Kilometer waren wir auf der Route unterwegs gewesen.
Damit hatten wir deutlich mehr als die Hälfte der gesamten Strecke erlebt.
Und ehrlich gesagt:
Genau den schönsten Teil.
Der westliche und nördliche Abschnitt besitzt einen ganz eigenen Charakter.
Wild.
Rau.
Einsam.
Ungezähmt.
Viele der verbleibenden Streckenabschnitte wären mit einem größeren Wohnmobil ohnehin nur eingeschränkt sinnvoll befahrbar gewesen. Andere hätten uns weit von unserer geplanten Route weggeführt.
Trotzdem fiel der Abschied schwer.
Denn die NC500 ist weit mehr als eine Straße.
Sie ist ein Gefühl.
Das Gefühl von Freiheit.
Von Abenteuer.
Von Entdeckung.
Von Landschaften, die größer wirken als alles, was man aus Mitteleuropa kennt.
Für uns hatte sie ihr gesamtes Gesicht gezeigt.
Und sie hatte uns nicht enttäuscht.
Anschließend führte uns die Reise wieder langsam in Richtung Inverness.
Die Straßen wurden breiter.
Der Verkehr nahm zu.
Die ersten Vorboten der Zivilisation tauchten wieder auf.
Doch bevor wir den Tag beendeten, wartete noch ein Ort, der für Schottland eine ganz besondere Bedeutung besitzt.
Culloden Battlefield.
Schon beim Betreten des Geländes spürt man, dass dieser Ort anders ist.
Still.
Nachdenklich.
Fast ehrfürchtig.
Hier fand am 16. April 1746 die berühmte Schlacht von Culloden statt.
Es war die letzte große Feldschlacht auf britischem Boden.
Innerhalb weniger als einer Stunde wurde der Jakobitenaufstand zerschlagen.
Die Truppen von Charles Edward Stuart – besser bekannt als Bonnie Prince Charlie – unterlagen den Regierungstruppen des Herzogs von Cumberland.
Für viele Schotten markiert Culloden bis heute das Ende einer Epoche.
Nach der Niederlage wurden zahlreiche Traditionen der Highlands unterdrückt. Das Tragen von Tartan wurde verboten, Clans verloren ihre Macht und die Lebensweise der Highlands veränderte sich grundlegend.
Das eigentliche Schlachtfeld ist frei zugänglich.
Lediglich für die moderne Ausstellung wird Eintritt erhoben.
Lediglich die Parkgebühr fällt an, sofern man kein Mitglied des National Trust for Scotland ist.
Der Besuch lohnt sich jedoch auch ohne Ausstellung.
Über das Gelände führen Wege zu den Grabsteinen der verschiedenen Clans.
Besonders bekannt ist der Gedenkstein des Clan Fraser.
Fans der Serie Outlander kennen diesen Ort sehr gut.
Die Serie orientiert sich in vielen Teilen erstaunlich nah an den historischen Ereignissen rund um den Jakobitenaufstand.
Der Fraser-Stein wurde inzwischen sogar eingezäunt, da zahlreiche Fans Fotos machen oder Erinnerungsstücke hinterlassen wollten.
Nach einem ausgedehnten Spaziergang über das Schlachtfeld machten wir uns schließlich auf den Weg zum Campingplatz, der nur wenige Kilometer entfernt lag.
Dort ließen wir den Tag entspannt ausklingen.
Es wurde noch etwas gekocht.
Später lief Fußball.
Und während draußen langsam die Dämmerung über die Highlands zog, wurde uns bewusst, dass ein großer Abschnitt unserer Reise hinter uns lag.
Die North Coast 500 war vorbei.
Die Erinnerungen daran würden bleiben.
Gefahrene Strecke: 172km
Aktuelle Position: