Tag 8 - Unendliche Weiten | Abenteuer Einsamkeit
Der Morgen begann gemütlich. Kein Zeitdruck, kein festes Programm. Genau die Art von Morgen, die man auf einer Reise durch die Highlands besonders zu schätzen lernt.
Nach dem Frühstück rollten wir entspannt los und folgten weiter der berühmten North Coast 500.
Zunächst führte uns die Strecke durch Thurso. Die kleine Küstenstadt war unser erster kurzer Stopp des Tages. Hier besorgten wir frischen Fisch für das Abendessen. Frischer geht es schließlich kaum, wenn man direkt an der Nordküste Schottlands unterwegs ist.
Doch schon kurz hinter Thurso begann sich die Welt um uns herum zu verändern.
Zunächst fast unmerklich.
Dann mit jedem Kilometer deutlicher.
Die Häuser wurden seltener.
Die Straßen schmaler.
Die Landschaft größer.
Und irgendwann hatte man das Gefühl, die Zivilisation Stück für Stück hinter sich zu lassen.
Die zweispurige Straße verschwand.
Vor uns lag nur noch eine Single-Track-Road.
Ein schmaler Asphaltstreifen, der sich wie ein dunkles Band durch die endlose Landschaft zog.
Links und rechts nichts als Weite.
Keine Ortschaften.
Keine Industrie.
Keine Werbeschilder.
Kein Lärm.
Nur Himmel, Wind und Landschaft.
Und genau hier begann die North Coast 500 plötzlich ihr wahres Gesicht zu zeigen.
Die sanften grünen Wiesen der vergangenen Tage verschwanden zunehmend. Stattdessen breitete sich eine fast archaisch wirkende Landschaft vor uns aus.
Weite Moorflächen schimmerten in unzähligen Braun-, Gold- und Grüntönen. Heidekraut zog sich wie ein violetter Teppich über die Hügel. Kleine Bäche schlängelten sich durch die Täler und glitzerten im Sonnenlicht wie silberne Fäden. Dazwischen lagen einsame Seen, die regungslos die Wolken spiegelten.
Es wirkte, als hätte jemand sämtliche Zeichen menschlicher Zivilisation entfernt und die Natur einfach machen lassen.
Kilometer um Kilometer.
Hügel hinter Hügel.
Horizont hinter Horizont.
Manchmal führte die Straße durch weite Täler, in denen man minutenlang kein einziges Haus erkennen konnte. Dann wieder öffnete sich plötzlich der Blick auf den Atlantik. Tiefblaues Wasser traf auf schroffe Klippen, während über allem ein Himmel spannte, der größer wirkte als irgendwo sonst.
Die Wolken warfen wandernde Schatten über die Landschaft.
Sonnenstrahlen brachen durch die Wolkendecke und ließen einzelne Hügel golden aufleuchten.
Es wirkte beinahe so, als würde die Natur selbst mit Licht malen.
Je weiter wir nach Westen kamen, desto stärker entstand dieses Gefühl von Einsamkeit.
Nicht einer bedrückenden Einsamkeit.
Sondern einer befreienden.
Einer Einsamkeit, die Ruhe schenkt.
Einer Einsamkeit, die den Kopf leer werden lässt.
Einer Einsamkeit, die man in Mitteleuropa kaum noch findet.
Hier oben scheint die Welt langsamer zu laufen.
Man beginnt anders zu denken.
Anders wahrzunehmen.
Man schaut wieder auf Wolken.
Auf Licht.
Auf Berge.
Auf das Meer.
Die Schotten haben dafür ein passendes Sprichwort:
„Chan eil rathad fada leisg.“
„Für den Reisenden ist kein Weg zu weit.“
Genau so fühlte sich dieser Tag an. Nicht das Ziel war wichtig. Sondern die Reise selbst.
Und genau deshalb musste ich immer wieder an Star Trek denken.
„Der Weltraum – unendliche Weiten.“
Natürlich beschreibt dieser Satz eigentlich das Universum.
Doch während wir durch diese Landschaft fuhren, fühlte er sich erstaunlich passend an.
Die Straße verschwand irgendwo am Horizont.
Der Himmel schien grenzenlos.
Und die Highlands wirkten plötzlich nicht mehr wie Schottland.
Sie wirkten wie eine fremde Welt.
Fast wie ein Planet, den man gerade erst entdeckt hatte.
Ein Ort, an dem noch niemand zuvor gewesen ist.
Ein Ort, an dem die Natur die Hauptrolle spielt.
Am Aussichtspunkt bei Bettyhill wurde dieses Gefühl besonders stark.
Wir standen hoch über der Küste und blickten hinaus auf eine Landschaft, die kaum in Worte zu fassen ist.
Unter uns lagen kilometerlange goldene Strände.
Dahinter türkisfarbenes Wasser.
Dann wieder dunkle Klippen.
Grüne Hügel.
Und darüber dieser riesige Himmel.
Der Wind trug den Duft des Meeres bis hinauf zu uns.
Die Brandung war selbst hier oben noch zu hören.
Für einen Moment wirkte alles vollkommen zeitlos.
Natürlich durfte auch die Drohne wieder starten.
Und erst aus der Luft wurde sichtbar, wie gewaltig diese Landschaft tatsächlich ist.
Die Straße erschien wie ein dünner Faden.
Unser Wohnmobil wie ein Spielzeug.
Die Küste zog sich scheinbar endlos entlang des Horizonts.
Und die Berge am Horizont wirkten plötzlich noch größer.
Und genau dort wartete die nächste Überraschung.
Denn irgendwann veränderte sich die Landschaft erneut.
Wie aus dem Nichts erhoben sich plötzlich schroffe Berge aus der Weite.
Keine sanften Hügel mehr.
Sondern gewaltige Felsmassive.
Dunkel.
Rau.
Ehrfurchtgebietend.
Sie wirkten fast wie die Gebirge eines fremden Planeten.
Wie riesige Monolithen, die seit Jahrmillionen über diese Landschaft wachen.
Selbst Glencoe bekam plötzlich ernsthafte Konkurrenz.
Bis zu diesem Tag hatten wir Glencoe für den landschaftlichen Höhepunkt der Reise gehalten.
Nun waren wir uns nicht mehr sicher.
Hier war alles noch größer.
Noch ursprünglicher.
Noch einsamer.
Noch wilder.
Hier oben spürte man zum ersten Mal wirklich die Seele der North Coast 500.
Keine Attraktionen.
Keine Menschenmassen.
Keine Souvenirshops.
Nur Natur.
Freiheit.
Wind.
Und Weite.
Die Kilometer vergingen langsam.
Doch genau das war perfekt.
Niemand hatte es eilig.
Wir auch nicht.
Jeder Kilometer war Teil des Erlebnisses.
Kurz vor unserem Tagesziel wartete dann noch eine dieser Geschichten, die nur auf Reisen entstehen.
Plötzlich kam uns ein Polizeifahrzeug entgegen.
Der Beamte hielt an und erklärte freundlich, dass wir bitte im nächsten Passing Place warten sollten.
Der Grund:
Zwei „Wide Vehicles“ würden uns entgegenkommen.
Neugierig warteten wir.
Etwa zehn Minuten später wurde klar, warum die Warnung notwendig gewesen war.
Uns kamen tatsächlich zwei komplette Tiny Houses entgegen.
Auf Schwertransport-Anhängern.
Und zwar so breit, dass sie die Straße beinahe vollständig ausfüllten.
Mit viel Geduld und einigen Zentimetern Luft auf jeder Seite passierten die Fahrzeuge schließlich die Engstelle.
Ein Moment, der wohl nur auf einer schottischen Single-Track-Road völlig normal erscheint.
Am späten Nachmittag erreichten wir schließlich unser Ziel:
Sango Sands Oasis.
Der Campingplatz liegt spektakulär auf den Klippen oberhalb der Küste und zählt völlig zurecht zu den bekanntesten Stellplätzen entlang der NC500.
Von hier blickt man direkt auf den Atlantik.
Die Klippen fallen steil zum Meer ab.
Unterhalb liegt ein Strand, der fast unwirklich wirkt.
Nach der Ankunft gab es zunächst Kaffee und eine wohlverdiente Pause.
Leider zog anschließend Regen auf.
Doch selbst das konnte die Stimmung kaum trüben.
Denn später führte uns ein Spaziergang hinunter zum Strand.
Und dort erwartete uns erneut eine Überraschung.
Das Wasser leuchtete in einem intensiven Türkisblau.
Der helle Sandstrand zog sich entlang der Bucht.
Die Brandung rollte sanft an Land.
Würde man die Temperatur ignorieren, könnte man problemlos glauben, irgendwo an einer abgelegenen Karibikküste gelandet zu sein.
Nur die schroffen Klippen und der Wind erinnerten daran, dass wir uns weit oben im Norden Schottlands befanden.
Zurück am Wohnmobil wurde schließlich der frische Fisch zubereitet, den wir am Morgen in Thurso gekauft hatten.
Während draußen die Wellen gegen die Küste rollten und der Wind über die Klippen strich, genossen wir unser Abendessen mit Blick auf das Meer.
Ein perfekter Abschluss für einen Tag voller Weite, Freiheit und Landschaften, die sich tief ins Gedächtnis eingebrannt haben.
Manche Orte beeindrucken durch Sehenswürdigkeiten.
Andere durch ihre Geschichte.
Der hohe Norden Schottlands beeindruckt vor allem durch ein Gefühl.
Das Gefühl, am Rand der bekannten Welt unterwegs zu sein.
„I travel not to go anywhere, but to go. I travel for travel's sake.“ - Robert Louis Stevenson
„Ich reise nicht, um irgendwo anzukommen, sondern um zu reisen. Ich reise um des Reisens willen.“
Kaum ein Tag unserer Schottlandreise hätte diesen Gedanken besser verkörpern können.
Und genau deshalb war dieser Tag für uns einer der schönsten der gesamten Reise.
Gefahrene Strecke: 134km
Aktuelle Position: