Tag 6 - Willkommen am Ende der Welt | John O´Groats
Nach dem Frühstück rollten wir gegen 9:45 Uhr vom Campingplatz. Das Ziel des Tages war klar definiert:
John O’Groats.
Der berühmte Ort am nördlichen Ende des britischen Festlands war seit Beginn der Reise einer der Punkte, auf die wir uns besonders gefreut hatten.
Doch wie so oft in Schottland sollte nicht nur das Ziel begeistern, sondern vor allem der Weg dorthin.
Die Straße führte entlang der Nordostküste der Highlands. Schon kurz nach der Abfahrt wurde deutlich, dass wir uns immer weiter in eine der abgelegensten Regionen Großbritanniens bewegten. Die Landschaft wirkte offener, rauer und gleichzeitig majestätischer als alles, was wir bislang gesehen hatten.
Immer wieder führte die Straße steil bergauf und bergab. An einigen Stellen kündigten Schilder beeindruckende 13 Prozent Steigung oder Gefälle an. Für das Wohnmobil bedeutete das konzentriertes Fahren, für uns bedeutete es spektakuläre Ausblicke.
Hinter jeder Anhöhe öffnete sich ein neues Panorama. Tief unten glitzerte die Nordsee in der Sonne. Dazwischen lagen grüne Hügel, weite Wiesen, einzelne Farmen und unzählige Schafe. Die Landschaft wirkte fast menschenleer. Oft fuhren wir kilometerweit, ohne einem Ort zu begegnen. Stattdessen dominierten Himmel, Meer und Wind.
Und genau diese Weite macht den hohen Norden Schottlands so besonders.
Hier gibt es kaum große Städte. Keine Industrie. Keine Autobahnen. Nur Natur, Meer und unendlich viel Horizont.
Unser erster Halt war Wick.
Die kleine Hafenstadt war einst eines der wichtigsten Zentren des Heringsfangs in Europa. Noch heute prägen Hafen und Meer das Stadtbild. Für uns stand allerdings ein kurzer Besuch bei der berühmten Old Pulteney Distillery auf dem Programm. Schließlich gehört ein gutes schottisches Mitbringsel fast schon zur Reisepflicht. Nach einem kurzen Einkauf ging es direkt weiter.
Das nächste Highlight wartete bereits wenige Kilometer entfernt.
Noss Head.
Über eine gut ausgebaute Single-Track-Road erreichten wir einen überraschend großen Parkplatz. Schon die Anfahrt machte klar, dass dieser Ort etwas Besonderes ist.
Zunächst führte uns der Weg zum Noss Head Lighthouse.
Der Leuchtturm steht hoch oben auf einer Landzunge, die weit in die Nordsee hinausragt. Unter uns fallen die Klippen nahezu senkrecht ins Meer. Die weißen Gebäude des Leuchtturms wirken dabei fast unwirklich friedlich inmitten dieser rauen Landschaft.
Der Wind pfiff kräftig über die Küste. Möwen segelten über den Felsen. Tief unter uns schlugen die Wellen gegen die Klippen.
Es war einer dieser Orte, an denen man automatisch langsamer wird.
Wer möchte, kann hier sogar übernachten. Einige der ehemaligen Häuser der Leuchtturmwärter wurden zu Ferienunterkünften umgebaut. Ehrlich gesagt gibt es wohl kaum einen spektakuläreren Ort, um morgens aufzuwachen.
Von dort aus ging es weiter zu den Ruinen von Sinclair Castle.
Und was für eine Kulisse das war.
Die Überreste der Burg stehen dramatisch auf schroffen Klippen über dem Meer. Wind, Wetter und Jahrhunderte haben ihre Spuren hinterlassen. Gerade deshalb wirkt die Anlage heute fast noch beeindruckender.
Die Mauern scheinen mit den Felsen verwachsen zu sein.
Sinclair Castle blickt auf eine lange Geschichte zurück. Über Jahrhunderte war die Burg Sitz des mächtigen Clan Sinclair, der große Teile des Nordens kontrollierte. Die Lage war strategisch perfekt gewählt. Von hier aus konnte man die gesamte Küste überwachen und frühzeitig herannahende Schiffe erkennen.
Während wir zwischen den Ruinen standen und über die Nordsee blickten, fiel es leicht, sich vorzustellen, wie hier einst Clankrieger Wache hielten, Händler anlegten oder sich rivalisierende Familien bekämpften.
Es war einer dieser Orte, die auf Fotos beeindruckend wirken.
In Wirklichkeit sind sie noch viel beeindruckender.
Anschließend setzten wir unsere Reise weiter nach Norden fort.
Und irgendwann tauchte es vor uns auf:
John O’Groats.
Ein Ort, den fast jeder kennt, obwohl viele nie dort waren.
Schon die letzten Kilometer der Anfahrt waren etwas Besonderes. Die Landschaft wurde immer offener. Die Hügel flacher. Der Himmel größer.
Vor allem aber entstand dieses Gefühl, dass hinter der nächsten Kurve tatsächlich nicht mehr viel kommen würde.
Und genau deshalb nennen viele Menschen diesen Ort das „Ende der Welt“.
Natürlich endet die Welt hier nicht.
Doch wenn man dort steht, kann man verstehen, warum dieser Ausdruck entstanden ist.
Vor einem liegt nichts als Meer.
Am Horizont erscheinen die Orkney-Inseln.
Dazwischen Wasser, Wind und Himmel.
Keine hohen Berge mehr. Keine Wälder. Keine großen Städte.
Nur die gewaltige Weite des Nordens.
Es fühlt sich an, als hätte man den Rand der Landkarte erreicht.
Gemeinsam mit Land’s End im äußersten Südwesten Englands bildet John O’Groats die berühmte Verbindung zwischen den beiden Endpunkten Großbritanniens. Für viele Radfahrer, Wanderer und Abenteurer ist die Strecke zwischen beiden Orten ein Lebenstraum.
Doch auch die Geschichte des Ortes selbst ist faszinierend.
Der Name geht auf den Niederländer Jan de Groot zurück, der sich im 15. Jahrhundert hier niederließ. Der Legende nach betrieb er eine Fährverbindung zu den Orkney-Inseln und wurde dadurch zu einer bekannten Persönlichkeit der Region.
Berühmt wurde er jedoch durch eine andere Geschichte.
Jan de Groot hatte acht Söhne.
Um Streitigkeiten darüber zu vermeiden, wer am Tisch den besten Platz bekommt, ließ er angeblich ein achteckiges Haus mit acht Türen errichten. Jeder Sohn erhielt seinen eigenen Eingang und einen gleichwertigen Platz am Tisch.
Ob die Geschichte tatsächlich genau so passiert ist, weiß heute niemand mehr.
Doch die Legende lebt bis heute weiter.
Sogar die neue Destillerie vor Ort trägt den Namen 8 Doors Distillery – eine direkte Hommage an Jan de Groot und seine acht Türen.
Von der Küste aus bot sich ein fantastischer Blick auf die Orkney-Inseln. Tatsächlich verkehren von hier regelmäßig Fähren zu den Inseln. Bei klarem Wetter wirken sie zum Greifen nah.
Wir hatten das Glück, bereits am frühen Abend anzukommen. Dadurch hielten sich die Besuchermassen in Grenzen. Zwar ist John O’Groats zweifellos eine Touristenattraktion, doch an diesem Abend wirkte alles erstaunlich entspannt.
Der Vergleich zu Land’s End drängte sich auf.
Beide Orte markieren ein geografisches Extrem.
Doch während Land’s End oft geschäftig wirkt, besitzt John O’Groats eine deutlich rauere und ursprünglichere Atmosphäre.
Hier spürt man die Nähe zum Nordatlantik.
Den Wind.
Die Einsamkeit.
Die Weite.
Unser Campingplatz lag direkt in der Nähe und bot einen fantastischen Blick über die Küste.
Am nächsten Morgen wollten wir noch die 8 Doors Distillery besuchen und ein weiteres Mitbringsel für zuhause besorgen.
Am Abend zog es uns zunächst in den örtlichen Pub mit angeschlossener Brauerei.
Mit Blick auf das Meer gönnten wir uns ein frisch gezapftes Ale aus lokaler Produktion. Der kräftige Malzgeschmack passte perfekt zur Umgebung. Während draußen der Wind über die Küste pfiff, genossen wir die besondere Atmosphäre dieses Ortes.
Zurück am Wohnmobil wartete schließlich das Abendessen.
Der Wind hatte inzwischen noch etwas zugelegt und schüttelte unser Zuhause auf Rädern gelegentlich ordentlich durch. Doch genau das machte den Abend irgendwie perfekt.
Draußen das Ende des britischen Festlands.
Vor uns die Nordsee.
Am Horizont die Orkneys.
Hinter uns die Highlands.
Und über allem dieser stetige Wind, der einen daran erinnert, wie klein man in dieser gewaltigen Landschaft eigentlich ist.
Es gibt Orte, die man besucht.
Und es gibt Orte, die man erlebt.
John O’Groats gehört definitiv zur zweiten Kategorie.
Gefahrene Strecke: 223km
Aktuelle Position: