Tag 4 - Glencoe: Im Herzen der Highlands
Nach einem gemütlichen Frühstück rollten wir gegen 10 Uhr vom Campingplatz. Heute sollte der Weg ganz klar das Ziel sein.
Schon wenige Minuten nach der Abfahrt führte uns die A82 direkt entlang des Loch Lomond. Die Straße schmiegte sich eng an das Ufer, während auf der anderen Seite die ersten Ausläufer der Highlands immer höher aufragten. Die Landschaft wirkte mit jedem Kilometer wilder, ursprünglicher und schottischer.
Unser erster Halt war der Firkin Point. Von hier aus bot sich ein wunderschöner Blick über den Loch Lomond. Das Wasser lag ruhig zwischen den umliegenden Bergen, während vereinzelte Sonnenstrahlen durch die Wolken brachen. Ein perfekter Ort, um kurz innezuhalten und die besondere Atmosphäre auf sich wirken zu lassen.
Rund um den Loch Lomond gelten übrigens besondere Regeln für Wildcamper. Aufgrund des hohen Besucheraufkommens wurden sogenannte Camping Management Zones eingerichtet. Innerhalb dieser Bereiche ist das freie Zelten nur auf ausgewiesenen Flächen oder mit vorheriger Genehmigung erlaubt. Ziel ist es, die einzigartige Natur rund um den See zu schützen. Dadurch wirken die Uferbereiche heute deutlich gepflegter und naturbelassener als in vielen anderen stark besuchten Regionen Europas.
Anschließend folgten wir weiter der A82 in Richtung Norden. Die Berge rückten näher, die Täler wurden weiter und die Straße schien direkt durch eine Postkartenlandschaft zu führen.
Zur Mittagszeit erreichten wir Tyndrum. Der kleine Ort ist einer der klassischen Zwischenstopps auf dem Weg in die Highlands. Bei Burger und Fish and Chips stärkten wir uns für den weiteren Weg.
Das Postkartenmotiv von Tyndrum. Gegessen haben wir aber bei einem anderen Restaurant
Hier teilt sich die Route. Die A83 führt westlich in Richtung Küste und Argyll, während die legendäre A82 mitten durch das Herz der Highlands verläuft.
Für uns war die Entscheidung natürlich schnell getroffen.
A82.
Und was dann folgte, verschlug selbst uns mehrfach die Sprache.
Mit jedem Kilometer wurde die Landschaft spektakulärer. Gewaltige Berghänge erhoben sich links und rechts der Straße. Wasserfälle stürzten aus den Höhen herab. Die Wolken hingen an den Gipfeln, während sich dahinter immer wieder blauer Himmel zeigte.
Dann erreichten wir Glencoe.
Oder besser gesagt: Glencoe erreichte uns.
Denn irgendwann kommt der Moment, an dem man aufhört, eine Landschaft nur anzusehen. Stattdessen beginnt man sie zu fühlen.
Die Berge wurden höher. Die Hänge steiler. Die Täler weiter. Die Straße wirkte plötzlich winzig zwischen den gewaltigen Felsmassiven, die sich links und rechts erhoben. Hinter jeder Kurve öffnete sich ein neues Panorama, das noch beeindruckender war als das vorherige.
Und genau hier hatten wir unglaubliches Glück.
Wer die Highlands kennt, weiß, dass Glencoe oft von Regen, Nebel und tiefhängenden Wolken geprägt ist. Doch an diesem Tag zeigte sich das Tal von seiner freundlichsten Seite. Der kräftige Wind hatte die Wolken vertrieben. Über den Gipfeln zogen nur noch einzelne Wolkenfetzen vorbei. Dazwischen leuchtete immer wieder strahlend blauer Himmel hervor.
Sonnenstrahlen wanderten über die Berghänge und tauchten einzelne Abschnitte des Tals in goldenes Licht. Wenige Minuten später lagen dieselben Hänge wieder im Schatten. Dieses ständige Spiel aus Licht und Dunkelheit verlieh der Landschaft etwas beinahe Magisches.
Es war leicht zu verstehen, warum sich um diesen Ort so viele Geschichten und Legenden ranken.
Denn Glencoe ist nicht nur eines der schönsten Täler Schottlands.
Es ist ein Ort voller Erinnerungen.
Hier lebte einst der Clan MacDonald, einer der mächtigsten Clans der Highlands. Noch heute liegt über dem Tal der Schatten des berüchtigten Massakers von Glencoe. Im Winter des Jahres 1692 wurden Mitglieder des Clans von Soldaten ermordet, denen sie zuvor Gastfreundschaft gewährt hatten. Dieses Ereignis ging als eine der größten Tragödien Schottlands in die Geschichte ein.
Bis heute lebt die Erinnerung daran in Geschichten, Liedern und Balladen weiter. Wenn der Wind durch die Täler zieht und die Wolken über die Gipfel wandern, fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, warum dieser Ort die Fantasie der Menschen seit Jahrhunderten beschäftigt.
Vielleicht ist genau das das Besondere an Glencoe.
Es ist nicht nur die Landschaft.
Es sind die Geschichten.
Die Clans.
Die Legenden.
Und das Gefühl, dass diese Berge schon lange vor uns hier standen und noch lange nach uns hier stehen werden.
Natürlich durfte auch ein Abstecher zur berühmten „Skyfall Road“ nicht fehlen. Die Straße wurde durch den James-Bond-Film Skyfall weltbekannt. Den exakten Drehort erreichten wir zwar nicht – dafür wären noch etwa 14 Meilen auf einer extrem schmalen Single-Track-Road nötig gewesen – doch die umliegende Kulisse war bereits spektakulär genug.
Hier kam schließlich auch die Drohne zum Einsatz.
Und erst aus der Luft wurden die Dimensionen wirklich sichtbar.
Die Straße, auf der wir unterwegs waren, erschien plötzlich wie ein schmaler Faden zwischen gewaltigen Bergen. Die Täler wirkten endlos. Die Menschen winzig. Die Natur überwältigend.
Was vom Boden bereits beeindruckend erschien, wurde aus der Vogelperspektive nahezu unbegreiflich.
Und dann kam Scottys großer Moment.
Mitten in den Highlands durfte er durch das Heidekraut streifen. Die Nase tief zwischen den Pflanzen, die Ohren aufmerksam im Wind, erkundete er neugierig jeden Meter der Landschaft. Für einen Augenblick hatte man fast das Gefühl, als würden uralte Instinkte geweckt.
Als würde etwas in ihm auf die Berge, den Wind und die unendlichen Weiten reagieren.
Vielleicht bilden wir Menschen uns so etwas nur ein.
Aber in diesem Moment wirkte es tatsächlich, als würde Scotty hierher gehören.
Als hätte er auf genau diesen Moment gewartet.
Anschließend folgten wir weiter der A82. Eigentlich hätten wir noch viel häufiger anhalten wollen. Doch gerade an den schönsten Stellen zeigte sich ein kleines Problem: Die Parkplätze entlang der Strecke sind oft überraschend klein und meist komplett belegt. Also blieb es häufig bei einem bewundernden Blick durch die Windschutzscheibe.
Unser letzter Halt des Tages war schließlich Fort William.
Die kleine Stadt gilt als Outdoor-Hauptstadt Großbritanniens und Ausgangspunkt zahlreicher Wanderungen und Bergtouren. Gleichzeitig entstand bei unserem Spaziergang schnell der Eindruck, dass hier jeder zweite Laden Souvenirs verkauft. Highland-Shirts, Highland-Tassen, Highland-Magnete, Highland-Fudge, Highland-Schlüsselanhänger – gefühlt trägt hier jeder zweite Laden das Wort „Highland“ im Namen.
Für einen kurzen Bummel reichte es dennoch.
Anschließend fuhren wir weiter zum Campingplatz am Fuße des Ben Nevis.
Bereits bei der Ankunft wurden wir mit einem atemberaubenden Rundumblick auf die umliegenden Berge belohnt. Über allem thronte der Ben Nevis, mit 1.345 Metern der höchste Berg Großbritanniens. Selbst aus der Entfernung dominiert er die gesamte Landschaft.
Mit einer Tasse Kaffee in der Hand saßen wir vor dem Wohnmobil und ließen die Eindrücke des Tages noch einmal Revue passieren.
Loch Lomond.
Die A82.
Glencoe.
Die Highlands.
Ein Tag voller Landschaften, die man nicht vergisst.
Später gab es Abendessen am Wohnmobil und einen entspannten Ausklang eines Tages, der uns endgültig gezeigt hatte, warum die schottischen Highlands einen so legendären Ruf genießen.
Gefahrene Strecke: 142km
Aktuelle Position: