Tag 12 – Glamis Castle: Wo Geschichte und Legenden leben
Langsam wurde uns bewusst, dass sich unsere Reise ihrem Ende näherte.
Die wilden Küsten der Highlands lagen hinter uns. Die North Coast 500 war längst Geschichte. Und heute stand nur noch ein großes Ziel auf dem Programm, bevor wir uns langsam auf den Weg Richtung Hull machten.
Doch dieses Ziel hatte es in sich.
Schon am Morgen machten wir uns auf den Weg zu einem der faszinierendsten Schlösser Schottlands:
Glamis Castle
Bereits die Anfahrt war beeindruckend.
Die lange Zufahrtsstraße führt durch weitläufige Parkanlagen und alte Baumalleen. Kilometerlang fährt man durch gepflegte Ländereien, ehe sich zwischen den Bäumen langsam die Türme des Schlosses zeigen.
Und dann steht es plötzlich vor einem.
Mit seinen Türmen, Zinnen und den markanten Sandsteinfassaden wirkt Glamis Castle beinahe wie das Schloss aus einem Märchenbuch.
Kein Wunder, dass viele Besucher es als eines der schönsten Schlösser Großbritanniens bezeichnen.
Doch das eigentliche Highlight befindet sich im Inneren.
Glamis Castle wird seit seiner Erbauung von derselben Familie bewohnt und befindet sich bis heute im Besitz der Familie Lyon. Es ist damit weit mehr als ein Museum.
Es ist ein echtes Zuhause.
Und genau deshalb kann man die Innenräume ausschließlich im Rahmen einer Führung besichtigen.
Eine Entscheidung, die sich absolut lohnt.
Unsere Führung dauerte etwa eine Stunde und gehörte ohne Zweifel zu den besten Schlossführungen der gesamten Reise.
Unsere Guide verstand es hervorragend, Geschichte lebendig werden zu lassen. Mit ihrem charmanten schottischen Akzent erzählte sie Geschichten über Könige, Adlige, Intrigen und Geister, als hätte sie alles selbst erlebt.
Leider sind Fotografieren und Filmen im Inneren strengstens verboten.
Einerseits schade.
Andererseits trägt genau das dazu bei, die besondere Atmosphäre zu bewahren.
Und Atmosphäre besitzt dieses Schloss mehr als genug.
Was Glamis Castle jedoch wirklich besonders macht, ist seine Einrichtung.
Viele Schlösser zeigen rekonstruierte Räume oder museal eingerichtete Bereiche. In Glamis Castle ist das anders.
Zahlreiche Räume werden bis heute von der Familie genutzt, wenn sie sich auf dem Anwesen aufhält.
Genau deshalb wirkt das Schloss so lebendig.
Man läuft nicht durch eine Ausstellung.
Man läuft durch ein Zuhause.
Raum für Raum öffnet sich eine andere Welt.
Prunkvolle Salons mit schweren Vorhängen und kunstvoll verzierten Möbeln wechseln sich mit Wohnräumen, Bibliotheken und Empfangszimmern ab. Überall hängen Gemälde, Familienporträts und Erinnerungsstücke aus Jahrhunderten schottischer Geschichte.
Besonders beeindruckend war die schiere Anzahl an Bildern.
Gefühlt blickten einen aus jeder Ecke frühere Bewohner des Schlosses an.
Generäle.
Adlige.
Kinder.
Damen in prachtvollen Kleidern.
Jahrhundertelang haben Generationen der Familie Lyon ihre Spuren hinterlassen, und genau das spürt man bei jedem Schritt.
Die Wände sind nicht einfach dekoriert.
Sie erzählen Familiengeschichte.
Anders als in vielen Museen stehen hier nicht nur Gegenstände hinter Absperrungen. Auf Tischen liegen Bücher. Möbel wirken, als würden sie regelmäßig genutzt. Manche Räume vermitteln beinahe den Eindruck, als wären ihre Bewohner nur kurz hinausgegangen und könnten jeden Moment zurückkehren.
Dazu kommen kunstvoll geschnitzte Holzdecken, prächtige Kamine und Möbelstücke, die älter sind als manche Länder der Welt.
Immer wieder entdeckten wir neue Details. Ein Familienwappen über einer Tür. Ein Gemälde mit einer spannenden Geschichte. Ein Porträt, dessen Blick einem scheinbar durch den Raum folgte.
Gerade weil Fotografieren und Filmen streng verboten sind, schaut man automatisch genauer hin.
Und vielleicht macht genau das den Besuch noch intensiver.
Man hört genauer zu.
Man betrachtet die Räume bewusster.
Und für einen Moment fühlt es sich tatsächlich so an, als wäre man nicht Gast in einem Museum, sondern zu Besuch bei einer Familie, die seit Jahrhunderten in diesen Mauern lebt.
Die Geschichte von Glamis Castle reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Über Jahrhunderte war es Sitz der Familie Lyon und spielte immer wieder eine wichtige Rolle in der schottischen Geschichte.
Besonders bekannt ist das Schloss als Kindheitssitz der Queen Mother, der Mutter von Queen Elizabeth II.
Doch Glamis ist nicht nur für seine Geschichte berühmt.
Sondern auch für seine Geister.
Und davon soll es hier reichlich geben.
Tatsächlich gilt Glamis Castle als eines der am stärksten heimgesuchten Schlösser Großbritanniens.
Unsere Guide erzählte die berühmtesten Legenden mit sichtlicher Freude.
Die bekannteste Geschichte handelt vom sogenannten Earl Beardie.
Der Legende nach war ein Earl so besessen vom Kartenspiel, dass er selbst an einem Sonntag nicht darauf verzichten wollte. Als niemand bereit war, mit ihm zu spielen, soll er ausgerufen haben, er würde sogar mit dem Teufel Karten spielen.
Kurz darauf erschien angeblich ein mysteriöser Fremder.
Seitdem soll man in bestimmten Nächten das Geräusch von Karten und Stimmen hinter einer zugemauerten Wand hören.
Der Legende nach wurde der Earl gemeinsam mit dem Teufel dort eingesperrt und muss bis heute weiterspielen.
Dann gibt es die Geschichte der Grey Lady, die wohl berühmteste Erscheinung von Glamis Castle.
Der Legende nach handelt es sich um den Geist von Lady Janet Douglas, auch bekannt als Lady Glamis.
Sie wurde im 16. Jahrhundert Opfer politischer Intrigen und Machtkämpfe am schottischen Königshof. Unter dem Vorwurf der Hexerei und des Hochverrats wurde sie verhaftet. Historiker gehen heute davon aus, dass die Anschuldigungen frei erfunden waren und vor allem politischen Zwecken dienten.
1537 wurde sie schließlich in Edinburgh öffentlich auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.
Ein grausames Schicksal für eine Frau, die vermutlich unschuldig war.
Der Legende nach kehrte ihre Seele jedoch nach Glamis Castle zurück.
Noch heute soll sie als grau gekleidete Gestalt durch die Schlosskapelle wandern. Besucher und Mitarbeiter berichten immer wieder davon, sie zwischen den alten Holzbänken gesehen zu haben. Andere wollen plötzlich eine besondere Ruhe gespürt haben oder das Gefühl, nicht allein im Raum zu sein.
Interessanterweise gilt die Grey Lady nicht als bedrohlicher Geist. Im Gegenteil.
Unsere Guide erzählte, dass Menschen, die ihr begegnet sein wollen, häufig von einem Gefühl tiefer Zufriedenheit, innerer Ruhe und erstaunlicher Geborgenheit berichten. Fast so, als hätte Lady Janet nach all den Jahrhunderten ihren Frieden gefunden.
Gerade das macht ihre Geschichte so besonders.
Trotz ihres tragischen und ungerechten Endes wird sie nicht als rachsüchtiger Geist beschrieben, sondern vielmehr als stille Wächterin der Kapelle.
Unsere Guide erzählte die Geschichte mit solch einer Begeisterung und gleichzeitigem Respekt, dass man sich unwillkürlich dabei ertappte, beim Betreten der Kapelle etwas genauer in die dunklen Ecken zu schauen.
Und schließlich die wohl sympathischste Geistergeschichte des Schlosses.
Die des jungen Dieners.
Dieser soll einst auf tragische Weise ums Leben gekommen sein und noch heute durch die Flure streifen.
Anders als viele Schlossgeister soll er allerdings niemandem etwas Böses wollen.
Vielmehr berichten Besucher immer wieder davon, plötzlich zu stolpern oder das Gefühl zu haben, als hätte ihnen jemand ein Bein gestellt.
Offenbar hat der junge Geist seinen Schalk bis heute nicht verloren.
Ob man an solche Geschichten glaubt oder nicht – sie machen die Führung zu einem echten Erlebnis.
Und genau das macht Glamis Castle so besonders.
Es ist kein steriles Museum.
Es ist ein Ort voller Geschichten.
Voller Legenden.
Und voller Charakter.
Hier ein offizielles Video, welches auch die Inneneinrichtung zeigt.
Nach der Besichtigung stärkten wir uns noch mit einem kleinen Mittagessen auf dem Gelände, bevor wir uns langsam wieder auf den Weg machten.
Die Strecke führte uns nun immer weiter nach Süden.
Kilometer um Kilometer entfernten wir uns von den Highlands.
Die Berge wurden niedriger.
Die Landschaft sanfter.
Und immer häufiger wurde uns bewusst, dass unsere Zeit in Schottland langsam zu Ende ging.
Unser letzter Campingplatz in Schottland lag in Melrose.
Ein Ort, der perfekt für den Abschluss unserer Reise gewählt war.
Die kleine Stadt in den Scottish Borders besitzt eine entspannte Atmosphäre und ist vor allem für ihre berühmte Abtei bekannt.
Diese wollten wir uns allerdings erst am nächsten Morgen anschauen.
Heute war es genug.
Die vergangenen Tage hatten uns unzählige Eindrücke beschert.
Burgen.
Küsten.
Highlands.
Single-Track-Roads.
Papageientaucher.
Loch Ness.
Die North Coast 500.
Und nun standen wir plötzlich am letzten Abend auf schottischem Boden.
Am Campingplatz angekommen, ließen wir den Tag bewusst ruhig ausklingen.
Kein großes Programm mehr.
Kein weiterer Ausflug.
Einfach nur ankommen.
Durchatmen.
Die Eindrücke der Reise noch einmal Revue passieren lassen.
Während langsam die Abendsonne über den Hügeln der Borders verschwand, wurde uns klar:
Morgen würden wir Schottland verlassen.
Doch heute gehörte der Abend noch diesem wunderbaren Land.
Und irgendwie fühlte sich das gleichzeitig schön und ein wenig traurig an.
Gefahrene Strecke: 251km
Aktuelle Position: