Tag 13 – Goodbye Scotland
Der letzte Morgen in Schottland begann ungewohnt früh.
Vielleicht lag es daran, dass wir wussten, was dieser Tag bedeutete.
Zum letzten Mal wachten wir in unserem Wohnmobil auf schottischem Boden auf. Zum letzten Mal öffneten wir die Tür und blickten hinaus auf die sanften Hügel der Borders. Zum letzten Mal sollte uns heute ein schottischer Morgen begrüßen.
Nach einem zeitigen Frühstück blieb das Wohnmobil zunächst auf dem Campingplatz stehen. Statt den Motor zu starten, machten wir uns zu Fuß auf den Weg.
Nur wenige Minuten später standen wir vor der Melrose Abbey.
Und was für ein Ort für den Abschied.
Pünktlich zur Öffnung waren wir vor Ort. Die Reisebusse hatten die Stadt noch nicht erreicht, die Besucherströme waren noch fern und so lag eine beinahe andächtige Ruhe über den alten Mauern.
Zwar war ein Teil der Anlage eingerüstet. Restaurierungsarbeiten waren unübersehbar.
Doch seltsamerweise störte das überhaupt nicht.
Im Gegenteil.
Es erinnerte daran, dass solche Orte nicht einfach nur Ruinen sind.
Sie sind Zeitzeugen.
Und Zeitzeugen müssen gepflegt werden, wenn sie weitere Jahrhunderte überdauern sollen.
Die Geschichte der Melrose Abbey reicht bis ins Jahr 1136 zurück.
Gegründet von König David I., entwickelte sich die Abtei rasch zu einem der wichtigsten religiösen Zentren Schottlands. Über Jahrhunderte gehörte sie zu den reichsten und einflussreichsten Klöstern des Landes.
Mönche bewirtschafteten riesige Ländereien.
Pilger strömten hierher.
Adlige spendeten Geld.
Gelehrte sammelten Wissen.
Melrose war einst ein Ort von Macht, Bildung und Glauben.
Doch wie so viele Orte in Schottland blieb auch die Abtei von Kriegen und Konflikten nicht verschont.
Mehrfach wurde sie während der Auseinandersetzungen mit England geplündert, niedergebrannt und beschädigt.
Und doch wurde sie immer wieder aufgebaut.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Ausstrahlung dieses Ortes.
Die Mauern erzählen nicht nur von Glanzzeiten.
Sondern auch von Verlust, Zerstörung und Beharrlichkeit.
Besonders bewegend ist jedoch die Verbindung zu einem Mann, dessen Name bis heute untrennbar mit Schottland verbunden ist:
Robert the Bruce.
Dem schottischen Nationalhelden.
Sein Wunsch war es gewesen, dass sein Herz nach seinem Tod ins Heilige Land gebracht werden sollte.
Doch diese Reise wurde nie vollendet.
Stattdessen kehrte sein treuer Gefährte Sir James Douglas mit dem Herzen zurück nach Schottland.
Heute gilt Melrose Abbey als seine letzte Ruhestätte.
Eine schlichte Gedenkplatte erinnert an diesen besonderen Ort.
Wir standen eine Weile dort.
Nicht wegen eines spektakulären Bauwerks.
Sondern weil man hier spürt, wie eng Geschichte, Legenden und nationale Identität in Schottland miteinander verwoben sind.
Nach der Besichtigung kehrten wir zum Campingplatz zurück.
Dann hieß es endgültig:
Aufbruch.
Die Straßen führten uns wieder Richtung Süden.
Kilometer um Kilometer entfernten wir uns von Schottland.
Die Berge wurden kleiner.
Die Landschaft sanfter.
Und irgendwann verschwanden die letzten Hügel der Borders im Rückspiegel.
Es war ein seltsames Gefühl.
Nicht traurig.
Aber nachdenklich.
Denn plötzlich wurde einem bewusst, wie viele Eindrücke sich in den vergangenen Tagen angesammelt hatten.
Unterwegs legten wir einen Stopp beim Brocksbushes Farm Shop ein.
Ein moderner Farmshop mit hervorragendem Restaurant und regionalen Produkten.
Genau der richtige Ort für eine entspannte Mittagspause.
Das Essen war ausgezeichnet und gab uns noch einmal die Gelegenheit, kurz durchzuatmen.
Denn draußen zeigte Großbritannien plötzlich eine völlig andere Seite.
Nach den meist angenehm kühlen Temperaturen Schottlands zeigte das Thermometer nun deutlich über 30 Grad.
Eine Hitze, die uns nach den windigen Küsten und den frischen Highlandmorgen beinahe fremd vorkam.
Die Fahrt wurde anstrengender.
Doch das Ziel rückte näher.
Vor Bridlington machten wir noch einen letzten Halt an einem Supermarkt.
Einige frische Zutaten mussten noch besorgt werden.
Denn auch das letzte Abendessen sollte etwas Besonderes werden.
Eine frische Meeresfrüchtepfanne.
Passender hätte der Abschluss dieser Reise kaum sein können.
Am späten Nachmittag erreichten wir schließlich unseren letzten Campingplatz.
Der Wind vom Meer war angenehm kühl.
Die Nordsee lag ruhig vor uns.
Und zum ersten Mal seit vielen Tagen mussten wir nirgendwo mehr hin.
Keine Sehenswürdigkeit.
Keine Single-Track-Road.
Kein Aussichtspunkt.
Kein Leuchtturm.
Einfach nur ankommen.
Sitzen.
Schauen.
Erinnern.
Und genau dabei wurde uns bewusst, wie außergewöhnlich diese Reise gewesen war.
Wir hatten Schottland nicht einfach besucht.
Wir hatten es erlebt.
Wir hatten die ersten Sonnenstrahlen über Loch Lomond gesehen.
Wir hatten die gewaltigen Berge von Glencoe bestaunt.
Scotty war durch das Heidekraut der Highlands gestreift.
Wir standen am Ufer von Loch Ness und hielten Ausschau nach Nessie.
Wir sahen Delfine leider nicht – aber dafür Papageientaucher.
Wir standen am Ende des britischen Festlands in John O'Groats.
Wir fuhren über einsame Single-Track-Roads.
Durchquerten Landschaften, die aussahen wie von einem anderen Planeten.
Genossen türkisfarbene Strände im hohen Norden Schottlands.
Besuchten Burgen.
Schlösser.
Leuchttürme.
Whisky-Destillerien.
Schlachtfelder.
Und unzählige Orte, die auf keiner Postkarte vollständig eingefangen werden können.
Doch noch mehr als die Landschaften werden uns die kleinen Momente in Erinnerung bleiben.
Die freundlichen Gespräche mit Einheimischen.
Die schottischen Golfer mit ihren Scottish Terriern.
Der Polizist, der uns vor den entgegenkommenden Tiny Houses warnte.
Die gemütlichen Abende im Wohnmobil.
Die Sonnenuntergänge am Meer.
Der Wind auf den Klippen.
Das Geräusch der Wellen.
Der Duft von frischem Fisch.
Und immer wieder dieses Gefühl von Freiheit.
Hat sich die Reise gelohnt?
Mehr als das.
Schottland hat all das gehalten, was wir uns erhofft hatten.
Und vieles darüber hinaus.
Es hat uns Landschaften gezeigt, die wir niemals vergessen werden.
Es hat uns Geschichten erzählt.
Von Clans.
Von Königen.
Von Geistern.
Von Rebellen.
Und von einem Land, das seinen ganz eigenen Charakter bewahrt hat.
Morgen geht es zurück nach Rotterdam.
Zurück nach Hause.
Zurück in den Alltag.
Doch ein Teil von uns wird noch eine Weile dort oben bleiben.
Zwischen den Highlands.
An den Küsten der North Coast 500.
Auf den Klippen von Duncansby Head.
Oder irgendwo an einem einsamen Strand im Norden Schottlands.
Der Reiseblog endet heute.
Die Erinnerungen bleiben.
Und wer weiß ...
Vielleicht war dies kein Abschied.
Sondern nur ein „Bis bald“.
Slàn leat, Alba.
Auf Wiedersehen, Schottland.
Gefahrene Strecke: 354km
Aktuelle Position:
Danke fürs Lesen, Dabeisein, die vielen netten Worte und das Interagieren auf sämtlichen Plattformen. Ich hoffe es hat Spaß gemacht mit uns auf Reise zu gehen.
P.S. Es wird noch einen Epilog als Zusammenfassung mit Tipps geben. :)